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Wandern Mallorca Tramuntana

Wandern auf dem GR221

Exklusiv für Mallorca-today hat Peter Mertz, Autor von mehr als 80 Reise- und Naturführern, eine achtstündige Wanderung entlang der Trockensteinroute GR221 beschrieben. Die Etappe 6 des Weitwanderwegs führt von der Herberge Muleta bei Port de Sóller zum Refugi Tossals Verds inmitten der Tramuntana.

Von Wander-Experte Peter Mertz


Mallorca bringt man mit vielem in Verbindung, aber selten mit Weitwandern. Dies schien bislang dem Hohen Norden vorbehalten, oder, wenn es schon die Mittelmeerregion sein soll, der Insel Korsika. Aber Mallorca rüstet auf, vor allem, wenn es um das Naturerlebnis geht. Die Inselregierung hat zusammen mit dem Amt für Tourismus begonnen, den GR221 einzurichten, eine „Grande Route“, um den französischen Wurzeln des Kürzels gerecht zu werden: Ein Wanderweg also, der mehrere Etappen aufweist und in mehreren Tagen zu absolvieren ist. Wo würde es sich in Mallorca besser eignen, als in der Tramuntana, dem gebirgigen Rückgrat der Insel, das fast zur Gänze als Naturpark geschützt ist und eine Welt für sich auf der Insel darstellt.

Wildromantische Tramuntana

Die Serra de Tramuntana trägt einen Großteil der Naturschönheiten Mallorcas. Überwältigende Landschaften, karge Karstplateaus, schroffe Hänge dazwischen Landgüter, Klöster hoch oben auf Tafelbergen und ländliche Bauwerke verdeutlichen, was uns das „Rückgrat“ entlang von Wanderungen verspricht. Hier lebte und lebt sich auch das Wesen der mallorquinischen Geschichte aus, Ritterburgen und die Rundtürme des Verteidigungswalls zeugen heute noch von heißen Kämpfen. Und das ganze ist eingebettet in eine Naturlandschaft, die einer überaus vielfältigen und hochinteressanten Flora und Fauna Lebensraum gibt. All das lässt sich seit kurzem entlang des GR221, der „ruta de pedra en sec“, erleben, der von Andratx an der Westspitze bis Pollença im Nordosten verläuft und etwa 150 km lang ist. Er verdankt seinen Namen einem ethnologischen Phänomen bzw. einer uralten Bautechnik, bei der Steinmauern ohne Mörtel aufgebaut werden. Man legt die Steine so präzise aufeinander, dass sie ohne zusätzliches Material Standfestigkeit bieten. Entlang der Wanderroute wurden zahlreiche Bauten wie Häuser, Brunnen, Wasserstollen, Kohlenmeiler, Kalköfen, Wasserkanäle und Zisternen restauriert, um die Wanderer neben den Naturschönheiten auch mit dem kulturellen Erbe der Insel zu überraschen.

Von der Küste bis ins Gebirge

Das Problem des GR221 sind aber nicht etwa gehtechnische Schwierigkeiten oder Kletterpassagen, sondern die Besitzverhältnisse. Etliche Abschnitte führen durch Privatland und es hängt stets von der Entscheidung der Eigentümer bzw. von den Vereinbarungen ab, die mit der Inselregierung getroffen wurden. Deshalb stelle ich Ihnen hier einen Abschnitt des Weges vor, bei dem Sie garantiert nicht auf versperrte Zäune treffen. Damit fasse ich Teile zweier Touren aus meinem terra-Wanderführer Mallorca, erschienen im Tecklenborg-Verlag, zusammen und bilde eine spannende Streckentour, die uns von der Küste rund um den Port de Sollér hinauf in die Gebirgswelt rund um die höchsten Berge der Insel bringt. Neben Gärten und uralten Kulturlandschaften begegnen wir auch alten Landhäusern, durchqueren eine der schönsten Ortschaften der Insel, Sóller, mit der Möglichkeit, den botanischen Garten zu besuchen, und benutzen sogar einen alten Pilgerweg. Am Abend steht uns die Herberge Tossals Verds zur Verfügung, um entspannt einer außergewöhnlichen Nacht in den Bergen der Tramuntana entgegen zu sehen.

Das ursprüngliche Mallorca entdecken

Starten wir nun im Hafen Port de Sóller, der mit dem etwas landeinwärts liegenden Hauptort über eine historische Straßenbahnlinie verbunden ist. Über die Küstenstraße entlang der fast kreisrunden Bucht gelangen wir zum Leuchtturm am Cap Gros, in dessen unmittelbarer Nähe sich die Herberge Muleta befindet. Wer hier übernachtet und von Andratx gekommen ist, hat bereits 5 Etappen des GR221 hinter sich gebracht. Der markierte Wanderweg zieht vom Leuchtturm in nördlicher Richtung landeinwärts und erreicht nach rund 1,5 km eine Weggabelung, bei der Sie nach links abbiegen. Sie befinden sich nun auf dem Abschnitt des GR221, der direkt nach Sóller verläuft und auch als Teil eines Rundweges durch das Talbecken von Sóller benutzt werden kann. Sie durchqueren einen kleinen Barranco – Heimat der Balearenkröte – und kommen entlang von Steinmauern zum Einkehrlokal Muleta de Ca S’Hereu heran, das frisch gepressten Orangensaft anbietet. In der Folge windet sich der mit Holzpflöcken markierte Pfad durch eine typisch mallorquinische Kulturlandschaft aus Ölbaumhainen, Trockensteinmauern und Feldterrassen. Nach einem Abschnitt mit alter Steinpflasterung erreichen Sie den Torrent des Barrancs und treffen wenig später auf eine asphaltierte Dorfstraße. Vorbei an alten Fincas und restaurierten Ferienhäusern genießen Sie den Schatten einer Allee aus Zedrachbäumen, die durch gelbe Fruchtstände und weißlich bis violette Blüten auffallen. Die etwa 15 mm großen Früchte hat man früher zur Herstellung von Rosenkränzen verwendet, das mag der Grund dafür sein, warum dieses attraktive Gewächs auch den Beinamen ‚Paternosterbaum’ erhielt. Am Ende dieser Allee, die den Camí de Son Sales begleitet, sind sie bereits Sóller ganz nahe. Sie erreichen es in Ortsteil Can Coll und überqueren hier die Ma-120. Durch die kleinen Gassen schwindeln Sie sich bis zum Hauptplatz, der Plaça de la Constitutió, können aber zuvor noch dem Botanischen Garten, der sich direkt an der Ma-10 befindet, einen Besuch abstatten.

Im Orangen-Tal von Sóller

Sóller verlangt unbedingt einen kurzen Aufenthalt, entweder, um in einem der schattigen Cafés am Hauptplatz vor der Kathedrale eine Erfrischung zu genießen, oder sich in der lieblichen Altstadt ein wenig umzusehen. Der von den Bergen der Tramuntana umgebene Talkessel gibt dem Ort ein ganz besonderes Flair. Bereits vor fast 100 Jahren hat man die Eisenbahnlinie gebaut, um eine Verbindung mit Palma herzustellen. Die eigenwillige Stadt besitzt ein herausragendes Klima, das zum Bau von Herrschaftsvillen und Gärten an den Hängen geführt hat. Fast ein Markenzeichen sind die ausgedehnten Orangen- und Zitronenkulturen, die mit Duft und saftigen Früchten diese Wanderung bereichert. Sóller bildet nur ein Etappenziel, bald heißt es wieder aufbrechen, denn es stehen noch einige Herausforderungen auf dem Programm.

Die mittelalterlichen Gässchen von Biniaraix

Zunächst folgen Sie den Dorfstraßen in östlicher Richtung ins benachbarte Dörfchen Biniaraix, das malerisch einen leicht erhöhten Platz am Rand des Talbeckens von Sóller einnimmt. Die Route des GR221 wird mit großen weiß-roten Metallwegweisern gekennzeichnet und bringt Sie direkt ins Zentrum von Biniaraix am Ausgang des Barranc de Biniaraix. Auch hier erwarten Sie kleine Bars und Einkehrmöglichkeiten, so bei der Plaça La Immaculada Conçeption, die von der kleinen, gleichnamigen Kirche umrahmt wird. Von hier aus steuern Sie die Carrer San Josep an, die bereits mit Richtungsangaben wie „L’Ofre“ oder „Camí de Barranc“ versehen ist. Letzterer Begriff steht für den alten Pilgerweg, der Sie in der Folge mit kunstvollem Verlauf durch den Barranc de Biniaraix geleitet. Denn es gilt, fast 900 Höhenmeter bis hinauf auf das Plateau mit dem Cúber-Stausee zu überwinden. Das Örtchen Biniaraix zeigt die typische Struktur einer mittelalterlichen Bergsiedlung mit engen, steilen, gepflasterten Gassen und einer schönen traditionellen Architektur. Das Cas Don und die Can Ribeira stellen zwei Beispiele für schön erhaltene Herrenhäuser. Die Pfarrkirche aus dem 17. Jh. ist der Immaculada gewidmet. Sehenswert sind auch die alten Waschhäuser.

Wandern wie die alten Pilger

Über unzählige Treppen und elegante Kehren meistern Sie diese Aufgabe recht mühelos und haben noch den Blick frei auf die eindrucksvolle Schlucht, die über Jahrmillionen hinweg vom Wasser zu einem förmlichen Cañon ausgewaschen wurde. Früher mussten die Pilger diesen Aufstieg wagen, um zum Kloster Lluc inmitten der Tramuntana zu wandern. Stufen und Steine tragen heute noch die Abnutzungen dieser mühevollen Reisen. Bis unter die steilsten Felswände schmiegen sich Feldterrassen an die steilen Felshänge, die von oben wie riesige Blumenkästen wirken. Sie schrauben sich unentwegt in die Höhe und folgen den Schwingungen der Schlucht und Taleinschnitte. Als besondere Geste für die „geplagten“ Wanderer verläuft bis zur Finca Es Verger eine Wasserleitung parallel zum Weg, die dreimal kleine Brunnen versorgt. So erreichen Sie die Finca nahe dem Coll de l’Ofre und haben bereits 700 Höhenmeter hinter sich gebracht. Zunächst begrüßen Sie die kunstvollen Feldterrassen mit den knorrigen Olivenbäumen, dann sorgt wieder ein Brunnen für volle Wasserflaschen. Das Gelände wird nun immer steiler und die Einblicke in die Schlucht immer bizarrer, Farne, Strauchige Kugelblume und Hufeisenklee hüllen den Wegrand in einen bunten Saum. Nach 2 Stunden haben die Strapazen an der Finca L’Ofre fast ein Ende. Die Route des Gr221 erreicht etwa 100 m vor dem Gehöft eine Weggabelung, bei der Sie in Richtung Coll de l’Ofre abbiegen. Der Steig verlässt die Schlucht und kürzt Kehren der Schotterstraße ab, die zum Sattel Coll de l’Ofre hinaufführt. Zuletzt wandern Sie parallel zu einem Felsrücken und erreichen kurz vor dem Sattel den Fahrweg. Bei Lust und Laune können Sie hier nach rechts zum Gipfel des L’Ofre aufsteigen (hin und retour 1 Std.).

Die Flora und Fauna am Cúber-Stausee

Nach dem Coll (875 m) treten Sie in das Hochtal ein, das mit dem Cúber-Stausee endet. Sie folgen der breiten Fahrstraße ostwärts, von der sogleich ein Bergpfad abgeht und in lichten Aleppokiefernwald eintritt. Dieser begleitet die Route bis zur Finca Binimorat, wo ein Bachlauf gequert wird und ein Stichweg nach rechts wieder zum Fahrweg führt. Munteren Schrittes geht es nun durch den Taleinschnitt zwischen dem L’Ofre-Kamm im Süden und der Serra de Cúber im Norden abwärts. Die stille Landschaft, in der sich neben einer Buschgarrigue auch Kermeseichen und weite Schafweiden befinden, zeugt von den uralten Nutzungsformen der mallorquinischen Bauern. Der Weg führt gemächlich abwärts und kommt dem Stausee immer näher, der sich mit türkisfarbenen Reflexionen ankündigt. Knapp davor wird ein Eisengatter durchschritten, danach wählen Sie bei einer Gabelung die Route am Südufer. Eine Schutzhütte samt Feuerstelle und Picknickplatz kann beim Umweltamt der Regierung der Balearen angemietet werden (Tel. 0971/17 68 00). Die bequeme Uferstraße verleitet, einen Blick auf die Vogelwelt zu werfen, die rund um den Stausee beobachtet werden kann. In den Lüften zeichnen sich die Silhouetten von Mönchsgeier und Fischadler ab, während Zaunkönig, Girlitz und Stieglitz die Garriguegebüsche am Ufer bevölkern. Die Wasseroberfläche kann von Schwärmen der Mittelmeermöwe weiß durchsetzt sein, während Kormorane auf Fischfang gehen. An der Ostspitze des Cúber-Stausees treffen Sie nicht nur auf die Ma-10, sondern auch auf den Parkplatz, an dem beide Uferwege zusammentreffen. Hier befindet sich auch die Haltestelle des Linienbusses zurück nach Sóller.

Ein Abstieg mit Panorama

Nahe der Wanderwegtafel beginnt der letzte Teil dieser Streckenwanderung, der Sie zur Übernachtungshütte Tossals Verds bringt. Dazu gilt es, den Coll de sa Coma des Ases (903 m) zu überwinden, der 150 Höhenmeter über dem Cúber-Stausee liegt. Sie folgen vom Parkplatz weg dem Pfad mit dem Wegweiser „Refugi de Tossals Verds“, der sich in südöstlicher Richtung durch die felsigen Hänge zu Füßen des Puig de sa Font aufwärts windet. Nach gut 20 Minuten ist der Pass erreicht und Sie beginnen den Abstieg in den Talkessel mit der Hütte. Prächtige Bergpanoramen begleiten Sie, vor allem der auffällige Tafelberg S’Alcadena bereichert die fast alpin anmutende Szenerie. Sie kommen dem Torrent d’Almadra immer näher und müssen nach einer Steinrampe ein leicht ausgesetztes Wegstück innerhalb der Schlucht bewältigen, das durch ein Drahtseil gesichert ist. Später muss nochmals einer kleinerer Hangrücken überwunden werden, ehe Sie nach weiteren 2 Stunden ab dem Cúber-Stausee die schöne restaurierte Berghütte erreichen (540 m). Im Mai ist die Landschaft vom Gelb des Ginsters erfüllt, das sich mit den weiß glänzenden Felsen des Tossals-Verds-Massiv in Kontrast setzt. Sie haben nach gut 8 Stunden Gehzeit Ihr Tagesziel erreicht und können sich auf eine erholsame Nacht in der Stille der mallorquinischen Bergwelt freuen. Um am nächsten Tag zum Parkplatz am Cúber_Stausee zu gelangen, folgen Sie weiter dem GR221 bis zum Coll des Coloms (808 m, 1.45 Std.), um danach entlang des Canal des Embassaments in knapp einer Stunde zum Parkplatz und damit zur Bushaltestelle abzusteigen. Am Coll des Coloms lohnt ein Abstecher auf den Puig des Tossals Verds (1118 m), von dem fast die gesamte Tramuntana überblickt werden kann (hin und retour auf markiertem Pfad 1.30 Std.). Im Hintergrund tauchen am Horizont Palma, die Insel Cabrera und die große Ebene der Insel mit den Bergen von Artà auf. Mit diesem Gipfelglück wird der Rückweg noch zu einer eindrucksvollen Ganztagesetappe.

Wenn Sie sich für die Natur am Wegesrand genauer interessieren, finden Sie detaillierte Infos und Bild-Impressionen im „terra-Wanderführer Mallorca“ (Tecklenborg Verlag 2015). In diesem Zusammenhang besonders interessant: die Touren 5 durch das Talbecken von Sóller sowie 6 von Sóller zum Cúber-Stausee (Seite 63-82). Autor Peter Mertz, Diplombiologe, Reiseschriftsteller und Naturfotograf, hat mehr als 80 Bücher bei deutschen, österreichischen und Schweizer Verlagen veröffentlicht, darunter Wanderführer, Naturführer, Bildbände und Fachbücher. Der Mittelmeerraum gehört neben Skandinavien und Tirol zu seinen häufig bereisten Gegenden. In den vergangenen 15 Jahren hat Peter Mertz drei jeweils überarbeitete Mallorca-Naturwanderführer herausgegeben.

Foto:
Peter Mertz



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